Der spanische Revisionismus lebt in der Partido Popular weiter

Die franquistischen Wurzeln der spanischen Konservativen sind immer noch spürbar. Nun hat ihr Vorsitzender Pablo Casado den Revisionismus ins Parlament getragen. Dies sorgte für einen Aufschrei unter den Historiker:innen.
Pablo Casado (PP) bei seiner Rede am 30. Juni 2021. Der konservative Politiker polarisierte mit seinen Aussagen.
Foto: Congreso de los Diputados

Die Art und Weise, wie wir die Geschichte betrachten, beruht in der Regel auf bestimmten Grundannahmen unter den Historiker:innen. Allerdings wollen sich nicht alle an diese halten und entwickeln lieber ihre eigene Version der Geschichte. Dieses Phänomen wird als “Revisionismus” bezeichnet und ist in der akademischen Welt sehr umstritten. Eine Debatte im spanischen Kongress hat diesen Streit wieder aufleben lassen.

Der Vorsitzende der konservativen Partido Popular (PP) hat kürzlich erklärt, dass „der Bürgerkrieg eine Konfrontation zwischen denen war, die Demokratie ohne Recht wollten, und denen, die Recht ohne Demokratie wollten.“ Casado paraphrasierte die Prämissen der spanischen Revisionist:innen auf elegante, euphemistische Weise. Dies hat unter Historiker:innen einen Aufschrei ausgelöst.

Revisionismus und franquistische Propaganda

Seit dem Übergang Spaniens von der repressiven Franco-Diktatur zur heutigen konstitutionellen Monarchie haben die Mythen und Lügen der franquistischen Propaganda eine wesentliche Rolle in der spanischen Politik und Gesellschaft gespielt. Diese Prämissen bilden die Grundlage des spanischen Revisionismus.

Internationale Historiker:innen, vor allem aus dem Vereinigten Königreich, hatten bereits Bücher über den spanischen Bürgerkrieg veröffentlicht, als Franco 1975 starb. Ihre Darstellungen der Ereignisse in den 1930er Jahren unterschieden sich erheblich von dem, was die offizielle Staatspropaganda mehr als 40 Jahren behauptet hatte.

Die Historiker:innen betrachten den Staatsstreich im Juli 1936 als den Beginn des Bürgerkriegs. Revisionist:innen wie Pío Moa haben dies jedoch in den letzten Jahrzehnten bestritten. Ihre Argumente drehen sich um “antidemokratische” Elemente innerhalb der Republik und die dadurch verursachte soziale Unordnung, die eine militärische Intervention unvermeidlich machte.

Der "wahre" Beginn des Bürgerkrieges

Der Historiker Chris Ealham stellt fest, dass sich der Revisionismus “eng an die Gründungsmythen des franquistischen Staates anlehnt”.

vgl. Ealham, Chris. Social history,(Neo-)revisionism and mapping the 1930s Spanish left. Labor History 58, no. 3 (2017),  S. 248?

Die Revisionist:innen stützen ihre Annahmen auf die antirepublikanische Propaganda der 1930er Jahre. Das Framing ist klar: Die sozialistische Bewegung hatte bereits während der asturischen Rebellion von 1934 ihr wahres Gesicht gezeigt.

Ein Generalstreik als Reaktion auf die neu eingesetzte rechte Regierung verwandelte sich in Asturien in einen Aufstand der Arbeiter:innen. Sie gehörten zur sozialistischen Gewerkschaft Union General de Trabajadores (UGT) sowie der anarchosyndikalistischen Confederación Nacional del Trabajo (CNT) und hatten zwei Wochen lang Widerstand geleistet, als der Aufstand von der spanischen Armee unter der Führung von General Francisco Franco blutig niedergeschlagen wurde.

Pío Moa bezeichnet den asturischen Aufstand von 1934 als den eigentlichen Beginn des Bürgerkriegs. In seinen Augen tragen die radikalisierten Sozialist:innen und die “revolutionäre” Arbeiterbewegung die Schuld am Krieg, wobei er den allgemeinen sozialen und internationalen Kontext der laufenden Konflikte völlig außer Acht lässt.

Ideologische "Objektivität"

Um ihre Argumente zu rechtfertigen, beschuldigen die Revisionist:innen andere Historiker:innen, ideologisch verblendet zu sein und daher “die notwendigen Standards der ‘wissenschaftlichen Objektivität’ zu kompromittieren”, wie Chris Ealham es ausdrückt. Er hat nicht nur die Strategien, sondern auch die Methodik der spanischen Revisionist:innen untersucht und stellt fest, dass “man sofort mit den Grenzen ihres Ansatzes konfrontiert wird”.

vgl. Ealham, Chris. The Emperor’s New Clothes: ‘Objectivity’ and Revisionism in Spanish History, in: Journal of Contemporary History 48 (2013), S. 193

Der spanische Historiker Javier Tusell kam 2004 zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. In einem Artikel für El País charakterisierte er den Revisionisten als jemanden, der “nicht von Fragen ausgeht, sondern von Zusicherungen oder Vermutungen”. Das entzaubert den Anspruch der Revisionist:innen auf Objektivität.

vgl. Tusell, Javier. El revisionismo histórico españolEl País (07. Juli 2004)

Allerdings zeigt diese Haltung ein generelles Problem auf: Politiker wie Pablo Casado sehen die Arbeit der Historiker:innen lediglich als eine “Meinung” von vielen an. Dies sei jedoch nicht richtig, merkt der spanische Historiker Julián Casanova an. Es gebe bestimmte Grundannahmen in der Geschichtswissenschaft. Der Spanische Bürgerkrieg, etwa, kann als ein “konsolidiertes Thema in allen Handbüchern” betrachtet werden.

Nachfolger der antirepublikanischen Rechte

Casanova sieht bei Casado sogar die bewusste Anknüpfung an die antirepublikanische Rechte der 1930er Jahre. Auf subtile Weise rechtfertigt er den Staatsstreich mit der “Illegitimität” der Republik und ihrer Unfähigkeit , die Ordnung wiederherzustellen, was der franquistischen Diktatur gelungen sei – mit repressiven, antidemokratischen Mitteln.

Es sollte nicht überraschen, dass die spanischen Konservativen den Weg des Revisionismus geht. Die 1989 gegründete PP ist die Nachfolgerin der rechtsgerichteten Alianza Popular (AP), die von ehemaligen Reformfranquisten gegründet wurde.

Die jüngsten Angriffe auf die Mitte-Links-Regierung orientieren sich an der Propaganda der antirepublikanischen Rechten aus den 1930er Jahren. Die Einheit der Nation und die Demokratie scheinen auf dem Spiel zu stehen, wenn man der spanischen Rechten Glauben schenken darf. 

Die sozialdemokratische Partido Socialista Obrero Español (PSOE) “hat uns vor 90 Jahren bedroht”, sagte Pablo Casado und machte deutlich, dass er seine Partei in der Tradition der rechtsautoritären Confederación Española de Derechas Autónomas (CEDA) sieht.

Deren Führer, José María Gil Robles, schuf in den 30er Jahren “die Atmosphäre, die dem Bürgertum einen militärischen Aufstand als einzige Alternative zur Katastrophe erscheinen ließ”, so der britische Historiker Paul Preston.

vgl. Preston, PaulComing of the Spanish Civil War. Routledge, 2003, S. 239

Wenn man sich Casados Worte im Kongress genau ansieht, hat er selbiges angedeutet.

ist Chefredakteur und Gründer von Alerta. Sein Interesse gilt insbesondere der linken und antifaschistischen Geschichte und Kultur. Er lebt und schreibt in Saragossa/Spanien.

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