Mit Julia Fritzsche auf der Suche nach einer neuen linken Erzählung

Die Schriftstellerin und Journalistin Julia Fritzsche hat sich bereits vor Jahren Gedanken über eine neue linke Erzählung gemacht. Ihre Überlegungen sind aktueller denn je. Im Gespräch mit Alerta erklärt sie mögliche linke Lösungen.
„Ich plädieren dafür, dass wir versuchen eigene Erzählungen und auch eine Sprache dazu zu entwickeln“, sagt Julia Fritzsche.
Foto: Julia Schärdel

Eiskalte Luft pfeift mir entgegen, als ich aus dem Zug steige. Bis ich es vom Ankunftsgleis in die zumindest etwas weniger zugige Bahnhofshalle geschafft habe, bin ich schon ordentlich durchgefroren und das, obwohl es ein eigentlich viel zu milder Winter ist.

Rund um das Bahnhofsgelände begegnen mir viele offensichtlich obdach- oder zumindest wohnungslose Menschen. Der Anblick eines Vaters, der im Schutz des Bahnhofs-Untergeschosses mit seinen beiden Kindern im (grund-)schulpflichtigen Alter wohl schon eine ganze Weile auf einem Berg aus Koffern und Tüten sitzt, trifft mich besonders. Die Kinder schlafen tief inmitten des ganzen Tumultes, sie sehen blass und ausgelaugt aus. Der Vater wirkt verzweifelt. Was ist nur passiert, dass in einem Land wie Deutschland Kinder, die um diese Zeit eigentlich in der Schule oder in einem warmen Bett sein sollten, am Bahnhof über ihrem Hab und Gut liegend schlafen müssen?

Nein, es liegt nicht an zu viel Zuwanderung, „Flüchtlingswellen“ oder dergleichen. Schuld ist einzig und allein eine völlig verfehlte Politik, ein Fehlen konstruktiver linker Politik und einer neuen linken Erzählung, die den Menschen nahe bringt, wie ein Ausweg aus dieser prekären Situation aussehen könnte.

Ich durfte die Journalistin und Autorin Julia Fritzsche treffen, die schon 2019 ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht hat, welches mich persönlich sehr beeindruckt hat, und mit ihr genau darüber plaudern.

Julia und ich sind hier jetzt am Hauptbahnhof in München, Julia war schon 2015 mit dabei als die vielen Flüchtlinge aus Österreich, von der Balkanroute hier ankamen und auch 2021 als die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine hier ankamen und wird uns jetzt als erstes ein bisschen was dazu erzählen.

Schön, dass wir uns gerade hier treffen, am Bahnhof, wir sind neben dem Gleis 26 und da kamen eben unter anderem die Züge von der Balkanroute 2015 mit vielen Menschen an. Mir ging es wie vielen anderen Münchner•innen, ich hab‘ gehört, am Bahnhof wird Hilfe gebraucht, es war spät abends um 23:00 in meinem Fall und dann bin ich hierher gefahren und hab‘ wie alle einfach nur kleine Schritte gemacht.

Ein bisschen irgendwie die Leute in Empfang genommen, Essen verteilt so gut es ging – es gab so eine kleine Küche für alle, von ein paar Leuten organisiert, aber wirklich ganz klein noch. Wir haben Brezen gekauft und so, es war ja in den allerersten Tagen. Ich hab in Erinnerung, wie jemand sagte: „Hat jemand einen Zettel? Weiß jemand, wie auf Arabisch ‚Willkommen“ geschrieben wird?“ und dann hat jemand das aufgeschrieben und das haben wir dann in die Höhe gehalten, andere haben dann versucht, den Schriftzug abzumalen. Es war also wirklich sehr symbolisch alles nur, die Hilfe, weil es gab noch gar keine Strukturen, es ging einfach nur darum, dass hier Menschen sind, die die Flüchtlinge Willkommen heißen. 

Bevor ich kam, waren auch rechtsextreme Gruppen da gewesen, die haben sich aber dann von der Menge der Leute, die die Ankommenden willkommen geheißen haben, verdrängen lassen. Das war eben das eine Erlebnis gewesen und daraus ist ja dann eine große Politisierung der ganzen Asylhelfer•innen-Szene hervorgegangen. Jenseits der praktischen Hilfe haben sie sich hier dann in den kommenden Jahren zusammengetan, auch mit anderen Gruppen, wie ich es in meinem Buch beschreibe. Mit feministischen Gruppen, mit ökologischen Gruppen, mit wohnungspolitischen Gruppen, zu einer großen Demonstration unter dem Titel „ausgehetzt“, wo es eben plötzlich um ganz verschiedene Thematiken ging, wie Migration, Ökologie, Feminismus, Gender und so weiter. Ich suche ja nach einer neuen linken Erzählung und da ist viel aus dieser Asylhelfer•innen-Szene entstanden, die gesagt haben, wir haben so viele gemeinsame Anliegen mit anderen Gruppen in der Gesellschaft, dass wir uns zusammentun müssen.

Und auf der anderen Seite von uns hier ist die alte Bahnhofshalle vom sogenannten Starnberger Bahnhof hier in München. Hier in dieser Halle kamen vergangenes Jahr ganz viele ukrainische Geflüchtete an. Da war es dann schon ein bisschen anders. Zu dem Zeitpunkt als ich dazu kam, konnte ich mich einfach hier bei der Caritas eintragen und dann gleich ausgestattet mit Ordnerwesten usw ein bisschen unterstützen. Die Geflüchteten kamen zunächst hier in die Halle, aber dann gleich in ein Hotel hier gegenüber und wurden von dort dann weiter in verschiedene Unterkünfte gebracht. Also es war schon in den ersten Tagen natürlich wesentlich strukturierter.

Was für Gründe das hat, dass das so unterschiedlich ist, ob das mit der Hautfarbe der ukrainischen Flüchtlinge zu tun hat, dass sich manche Menschen ihnen doch irgendwie näher fühlen, es ist aber schon auffällig, wie unterschiedlich da die Hilfe war.

In beiden Fällen war aber in der Zivilgesellschaft, jetzt mal jenseits von den staatlichen Maßnahmen, diese Selbstverständlichkeit am Anfang da. Und dafür trete ich auch mit meinem Buch ein, dass wir ein anderes Menschenbild entwickeln und ineinander sehen, dass wir eigentlich ganz viel Gutes haben und dass wir dieses Narrativ auch weiter treiben müssen, dass der Mensch im Grunde gut ist. Da gibt es auch ein schönes, anderes Buch dazu von Rutger Bregman, der eine ganze Weltgeschichte darüber schrieb, dass wir „im Grunde gut“ sind – auch dafür möchte ich eintreten, dass wir nicht alle autonom denkende, neoliberale Individuen sind.

Dann war praktisch das Erlebte 2015 so der Startschuss für dein Buch, oder hattest du vorher schon diese Ideen?

Wir haben ja in dieser Zeit eine neue, aufstrebende, rechte Erzählung bekommen, zusätzlich zur neoliberalen Erzählung ist diese so ab 2013 schon mit Pegida usw., immer stärker geworden und in diesem Zeitraum, wo diese rechte Erzählung wieder stärker wurde neben der neoliberalen, hab ich mich gefragt, was können wir denn an eigenen Erzählungen entgegensetzen. Ich glaube, wir brauchen was eigenes, wir können uns nicht nur an anderen Erzählungen abarbeiten.

Ich nenne manchmal dieses Beispiel, dass unser Gehirn nicht so gut in Negationen denken kann. Also wenn ich jetzt sage:“Denk jetzt nicht an die Zöpfe von Greta Thunberg!“ dann wirst du genau daran denken. Und so funktioniert unser Gehirn eben auch in politischer Hinsicht. Wenn wir nur sagen, wir sind gegen den Neoliberalismus, denken wir trotzdem an den Neoliberalismus. Wenn wir sagen, wir sind gegen Wirtschaftswachstum, denken wir trotzdem ans Wirtschaftswachstum. Ich würde dafür plädieren, dass wir versuchen eigene Erzählungen und auch eine Sprache dazu zu entwickeln. 

Um bei dem Beispiel „Wirtschaftswachstum“ zu bleiben, könnten wir zum Beispiel von einer „maßvollen Wirtschaft “ sprechen oder von einer „Wirtschaft der Genügsamkeit“, da steckt das Wort „genug“ drin, das heißt man hat genug, man ist satt, das reicht, was ich habe, ich brauche nicht immer noch mehr. Wir brauchen eine eigene Erzählung, so ein bisschen wie beim Coaching, wir brauchen eine Vision, sich etwas selber auszumalen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Und dafür brauchen wir eine Sprache und da bin ich auf die Suche gegangen, um eine Sprache und Ideen für solch eine neue Erzählung zu finden.

Du hast in deinem Buch ganz viele tolle Projekte beschrieben, wie denn eine Umsetzung einer neuen linken Erzählung auch in der Praxis aussehen könnte und hast auch ganz viele Beispiele gebracht, die gar nicht aus Deutschland sind. Wie glaubst du, kann man daraus auch für unser Land ein neues linkes Narrativ formen, das auch bei den Menschen ankommt?

Machen wir das mal konkret an einem Beispiel. Ich hab Aktivist•innen getroffen, die sich in Lateinamerika dafür einsetzen, dass Indigenen dort nicht von Kohlekonzernen das Dorf unterm Arsch weggebaggert wird und die daran interessiert sind, dass sich die dortige Idee der Indigenen vom „buen vivir“, des „guten Lebens“ auch hier verbreitet. Wir können das natürlich nicht eins zu eins übertragen, wir können nicht alle in ein Baumhaus im Jungle ziehen, wir können nicht alle wieder so naturverbunden leben von heute auf morgen.

Wir sind alle auf die Infrastrukturen der Zivilisation angewiesen, auch ich. Also auch ich kann mich nicht selber versorgen und mir kein Trockenklo bauen oder so etwas. Deswegen hab ich mit Leuten darüber gesprochen, wie wir diese Ideen von einem „guten Leben“ übertragen können, die Ideen der Indigenen, die noch sehr viel mehr Rücksicht nehmen auf die uns umgebende Welt, die Natur und die Umwelt. Da hab ich beispielsweise mit dem Politikwissenschaftler Ulrich Brand gesprochen, der zusammen mit dem lateinamerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta ein Buch geschrieben hat, darüber wie man diese Ideen übertragen kann.

Da gibt es zum Beispiel die Idee das Menschenbild der Indigenen Kulturen anzuerkennen, wo nicht der Mensch im Zentrum steht, sondern wir eine Verbundenheit mit der Natur haben. Dann haben sie die Ideen von Allgemeingütern, die können wir auch übernehmen – hier gibt es ja auch schon wichtige Ansätze z. B. beim Wasser, dass Wasser nicht privatisiert wird, sondern dass wir einfach wichtige Güter aus der Natur weiterhin als Allgemeingüter betrachten. So wie früher, als Felder, Wiesen und Wälder allmende waren, Allgemeingut. Da gibt es ja Bewegungen, dass das wieder dahin zurück geht. Ein dritter Punkt ist, eine andere Struktur von Entscheidungsfindung, oft gibt es in diesen Gemeinschaften rätedemokratische Strukturen und das erlebe ich hier auch in den letzten Jahren.

Es gibt z. B. zwei Dutzend Ernährungsräte in Städten im deutschsprachigen Raum. Da tun sich Menschen zusammen, Landwirt•innen, Verbraucher•innen, Agrarforscher•innen usw und stellen die Frage, wie können wir Ernährung so gestalten, dass nicht nur die Reichen sich Bioprodukte leisten können oder dass wir es überhaupt so organisieren können, dass wir einen Apfel nicht dreimal um die Welt fliegen, bevor wir ihn hier essen. Es gibt Klimaräte, es gibt den Versuch von Care-Räten, wo es um Fürsorge usw geht und dass ist auch etwas, was wir hier übernehmen können. Ob das jetzt im Wahlkampf sofort auf Anhieb die Leute überzeugt, ist die Frage, aber ich versuche da eben Gemeinsamkeiten zu finden und zu zeigen, dass es da schon viele andere Strukturen gibt. 

Es gibt auch hier in Europa schon andere Strukturen, große Genossenschaften zum Beispiel, wie im Baskenland, in Mondragón, wo Leute eine andere Eigentumsstruktur haben. So ca 100000 Menschen leben da zusammen, gestalten Schulen, Fabriken, Banken usw und machen das aber nicht unter kapitalistischen Gesichtspunkten – wenn auch sehr bedroht von außen, durch die kapitalistische Welt. Aber es gibt hier Ansätze.

Das stimmt natürlich, es gibt Ansätze. Es gibt auch da, wo ich wohne, also im ländlichen Raum, ganz viele tolle Projekte, wie Car-Sharing Vereine, auch bei uns gibt es einen Ernährungsrat, es gibt Bürgerenergie, wo Menschen sich zusammentun und mit PV Anlagen auf ihren Dächern ihre Elektroautos laden usw. Was aber bei den Leuten nicht ankommt ist das Politische. Sie sehen das nicht, dass das tatsächlich etwas Linkes ist, was sie da machen. Sie machen all diese Dinge, engagieren sich sehr breit und drehen sich dann aber um und wählen wieder eine eher rechte und/oder konservative Partei. So wird sich das im Großen nie so richtig entfalten können, obwohl man ja auch vor Ort natürlich sieht, dass wenn es Unterstützer und Befürworter solcher Projekte gibt, dann sind es die Ortsverbände der SPD oder der Grünen, ganz sicher nicht die der CSU und trotzdem werden die wieder gewählt. Wie kann man den Leuten vermitteln, wo da der Zusammenhang zur Parteipolitik ist?

Ich finde diese Frage total schwierig. Ich erlebe das auch oft zum Beispiel im Bekanntenkreis, dass Hilfe beispielsweise für ukrainische Geflüchtete auch von denen kommt, die eigentlich die CSU wählen oder so, wo ich dann denke, wir haben politisch eigentlich gar nichts gemeinsam, aber interessant, dass die dann praktische Hilfe leisten.

Ich glaube, die linken Parteien sind halt einerseits immer sehr stark in der Kritik, teils zurecht, teils zu Unrecht. Es gibt natürlich schon nach wie vor auch noch ein Linken-Bashing in vielen Medien, aber es fußt eben manchmal auch auf einer Wahrheit und ich glaube das müssen wir als Linke dann auch ansprechen. Also dass eben der Sozialstaat in Deutschland namentlich abgebaut wurde von den Sozialdemokraten und den Grünen unter Schröder, die haben privatisiert, haben auf Reichensteuern verzichtet und haben den ganzen Arbeitsmarkt liberalisiert. Und damit sind wir auch bei dem Punkt „Sprache“. Eine Liberalisierung klingt ja nach etwas Schönem, aber wenn faktisch Arbeitsschutzgesetze verringert und Niedriglöhne zugelassen werden usw, dann sind wir wieder bei der Frage des Narratives. 

Also einerseits finde ich, stehen Linke, viele linke Parteien, zurecht in der Kritik, andererseits haben wir hier aber auch eine sehr starke, hegemoniale Sprache, die eigentlich für das Konservative und Neoliberale eintritt. Eben im Bereich der „Liberalisierung“ oder bei „Steueroasen“ zum Beispiel. Eine Oase ist etwas, wo jemand Wasser findet in der Wüste, der eigentlich sonst sterben würde. Aber was die Leute ja dort suchen, ist ein Ort der Steuerhinterziehung. Da müssen wir auch eine andere Sprache finden, um für unsere politischen Interessen die richtigen Worte zu finden. Ich glaube im Narrativ, eben durch Erzählung und durch Sprache kann man da ganz gut den Weg ebnen. Das ist zwar mühsam, aber Sprache ist etwas, wo wir alle ansetzen können. 

Wenn wir jetzt schon bei der Parteipolitik sind,  kommen wir mal auf das andere Buch, an dem du mitgewirkt hast, nämlich „Verbündet euch!“. Das war ja wirklich ein sehr großartiges Werk und auch faszinierend, wie unter anderem die ganzen unterschiedlichen Parteien eigentlich an vielen Stellen zu gemeinsamen Schlüssel und auch zu gemeinsamen Ideen gekommen sind. Viele Menschen waren ja aus der Parteibasis, nicht von höheren Positionen. Warum funktioniert das auf dem Papier so gut und in der Realität so schlecht?

In dem Buch, das du erwähnst, haben sich eben rot-rot-grüne Politiker•innen zusammen getan, wie du gesagt hast nicht die oberer Riege und die andere Hälfte waren Nicht-Politiker•innen so wie ich, also Journalist•innen, Wissenschaftler•innen, Künstler•innen, Aktivist•innen.

Ich denke es ist, wie du sagst, an der Basis ist das Interesse groß, sich zusammen zu tun. Faktisch gibt es aber natürlich dieses sehr starke Narrativ gegen die Links-Partei nach wie vor und das hat zum Teil auch seine Gründe. Die haben immer noch Leute in ihrer Partei wie Sahra Wagenknecht, die die einen Armen gegen die anderen Armen ausspielt, die mit dem „richtigen“ Pässen gegen die mit den „falschen“ Pässen obwohl sie es glaube ich besser wüsste in Wirklichkeit. Dadurch ist die Linke auch in der Wählerschaft total schwach geworden, weil natürlich viele damit gar nichts mehr anfangen können und die Linke da zurecht gerade kein gutes Bild abgibt und SPD und Grüne da natürlich sagen, darauf setzen wir jetzt nicht.

Und dann gibt es natürlich unter den Partei-Oberen viele, die kein Interesse an einer gemeinsamen Politik haben. Bei SPD und Grüne gibt es viele, die kein Interesse daran haben, wirklich einen sozial-ökologischen Umbau zu gestalten, die eher so weitermachen wollen, mit einem „grünen Wachstum“ zum Beispiel. „Grünes Wachstum“ ist auch nur Wachstum und das können wir uns bei planetaren Grenzen nicht leisten.

Beim Thema „Wachstum“ kommt man natürlich immer auf das Thema „Wirtschaft“ und letztlich auf das Überthema „Kapitalismus“. Was machen wir mit dem Kapitalismus? Es ist ja immer so die Frage, was haben wir da für eine Gegen-Erzählung, weil der Sozialismus, das ist ja immer das Schreckgespenst und man ist schnell bei „oh Gott, am Ende endet es sogar noch im Kommunismus!“ – was natürlich völliger Quatsch ist, das sind sicherlich überholte Narrative, wir brauchen ein neues. Wie könnte es aussehen und wie könnten wir die Leute da auch mitnehmen? Es geht ja tatsächlich viel um Angst. Viele haben Angst, dass sie ihre Sachen abgeben müssen, wenn sie das Wort „Umverteilung“ hören und solche Dinge, aber darum geht es natürlich gar nicht. Warum geht es denn wirklich?

Was machen wir mit dem Kapitalismus, also das Känguru von Mark Uwe Kling würde sagen, wir zernagen ihn. Der verstorbene Theoretiker Erik Olin Wright, der würde sagen, wir höhlen ihn aus. Also wir weisen überall dorthin, wo es schon andere Ansätze gibt. Eben zum Beispiel Genossenschaften, die wir überall haben, wie die erwähnte große Genossenschaft in Mondragón im Baskenland. Darauf, dass wir tatsächlich auch loch Allgemeingüter haben, wie zum Beispiel noch nicht überall privatisiertes Wasser und privatisierte Luft. 

Auch das Bildungssystem, die Universitäten sind bei uns noch nicht in dem Maße privatisiert, wie in anderen Staaten, sondern die sind immer noch nach wie vor einigermaßen frei zugänglich. Dass wir da hingucken, wo wir noch eine nicht privatwirtschaftliche, sondern eben staatliche oder gemeinschaftlich organisierte Organisationsform und Wirtschaftsform haben, denn das haben wir in vielen kleinen Bereichen noch. Und die müssten wir ausbauen und diese Inseln praktisch vergrößern. Das wird irgendwann dann logischerweise zu einem starken Widerstand führen, wie das bei der großen Genossenschaft in Mondragón auch ist. Die müssen gegen den kapitalistischen Markt bestehen, müssen dann auch irgendwann sagen, wir brauchen doch mal Zulieferer für irgendetwas, die auf dem kapitalistischen Markt agieren müssen. 

Das ist schwierig, es ist nicht ohne Auseinandersetzungen hinzukriegen, aber Erik Olin Wright würde eben sagen, den Kapitalismus langsam aushöhlen durch Vieles, was schon da ist und das auch sehen. Krankenhäuser waren bis in die 80er Jahre nicht profitorientiert in Deutschland, das ist nicht lange her. Die alternative Nobelpreisträgerin Vandana Shiva hat mal zu mir gesagt, diese ganzen Privatisierungen, „Those are babies, Julia. They didn’t exist before.“. Im Bereich Krankenhäuser da hatten wir vor 40 Jahren noch nicht all diese Asklepios und Rhön Kliniken und diese ganzen profitorientierten Organisationsformen von Gesundheit, von Krankheit. Das ist menschheitsgeschichtlich wirklich nicht lange her, das könnten wir wieder zurückschrauben.

Wir haben sozialen Wohnungsbau und wir haben gerade die Initiative der Privatwirtschaft in Berlin wieder Wohnraum zu entziehen, zumindest den Unternehmen, die über 3000 Wohneinheiten haben, in der Campagne „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“. Inzwischen gibt es eine weitere Campagne die dazu aufruft, RWE und Co. zu enteignen und es gibt auch die Debatte, jetzt in der Energiekrise manchmal sogar im Mainstream, dass man Energie doch wieder irgendwie gemeinschaftlich oder zumindest staatlich organisiert. Es gibt diese Ansätze.

Und bei der Frage:“Wollen wir Wohnraum vergesellschaften?“ haben sich in Berlin 57% der Bevölkerung dafür entschieden. 57%, die gesagt haben, ja, wir wollen Wohnraum vergesellschaften. Wohlgemerkt nicht die Wohnung von einer einzelnen Eigentümerin einer Wohnung, sondern da, wo Wohnungsunternehmen über mehr als 3000 Wohneinheiten verfügen.

Jetzt hat sich in den wenigen letzten Jahren, auch durch die Pandemie, aber auch durch das Zuspitzen der Diskussion um die ganze Klimapolitik so ein bisschen ein neues Problem der Linken gezeigt, wo die Neoliberalen einfach ganz viel dagegenhalten mit dem Freiheitsbegriff. Alles ist plötzlich Freiheitsbeschränkung, ganz egal ob es um eine Maske geht, die man tragen soll oder um ein Tempolimit, das man einhalten soll – alles wird von den Neoliberalen auf diesen Freiheitsbegriff reduziert und die Freiheit, die angeblich eingeschränkt wird durch all das. Das ist natürlich etwas, was zieht bei den Leuten und das ist tatsächlich ein Punkt, den auch Christoph und ich schon oft diskutiert haben: Welches Narrativ können wir da dagegenhalten und den Leuten vermitteln, dass wir ihnen natürlich nicht ihre Freiheit rauben möchten, niemand möchte das.

Da würde ich bei den Feministinnen nachschauen, weil die sagen schon ganz lange, wir müssen Abhängigkeit, also das Gegenteil von Freiheit, einfach anerkennen und akzeptieren. So ist es. Wir sind abhängig von der Natur, die uns nährt, die Natur ist abhängig von uns, wir sind abhängig von Menschen, die sich um uns sorgen und um die wir uns sorgen, wir sind alle voneinander abhängig und das müssen wir als gegeben annehmen. Es ist eine Fantasie, zu glauben, dass wir autonom durch die Welt gehen könnten. Es ist eine Fantasie, dass wir nicht andere Menschen bräuchten. Deswegen würde ich dem einfach entgegensetzen, dass wir da Abhängigkeit wirklich als etwas – wenn auch nicht Positives – einfach als etwas anerkennen müssen, was da ist.

Was denkst du denn, zu welchen Schlüssen seid ihr denn gekommen, wie man mit der Freiheit umgeht?

Wie man da argumentieren könnte, da sind wir tatsächlich noch zu keinem Schluss gekommen, es ist aber tatsächlich so, dass ich selber auch schon in ganz vielen Gesprächen zu hören bekommen habe „Na dann mach ich das eben alleine“ und dann sagt man natürlich:“Nein, das kannst du gar nicht, du hast Klamotten an, die du nicht selber hergestellt hast, du isst essen, das du nicht selber angebaut hast, du fährst ein Auto, das auch nicht du hergestellt hast, ganz alleine kannst du gar nichts“ und das sehe ich ganz genauso. Wir werden es akzeptieren müssen, dass wir ganz ohne die Gemeinschaft nicht können und sich auch alles, was wir tun, auf die Gemeinschaft auswirkt. Ich mag das Zitat von Maria Montessori ganz gern, die sagte: „Die Freiheit des Einzelnen endet mit der Gemeinschaft.“ und das ist der Punkt. Ob man das jetzt gut findet, oder nicht, man kommt selber auch nicht ohne die Gemeinschaft aus. 

Es ist natürlich unglaublich schlecht gelabelt in dieser Welt, „Abhängigkeit“, weil wir Autonomie vergötzen, aber das ist eine Fantasie.

Wenn du jetzt an dein Buch zurück denkst – es ist 2019 veröffentlicht worden, das ist jetzt schon eine ganze Weile her – wenn du jetzt so an die letzten Jahre denkst, gibt es noch etwas, von dem du jetzt sagst, ach Mensch, das hätte ich noch mit dazu fügen müssen, das wäre noch ein Punkt, der relevant gewesen wäre?

Ja, auf jeden Fall würde ich heute nochmal mehr zu Rassismus und Weiß-Sein schreiben. Ich habe mich nur mit rassistischen Ausgrenzung an den Grenzen, also mit den Fragen von Migration befasst, aber nicht mit der rassistischen Ausgrenzung in diesem starken Maße in unserer Gesellschaft. Ich konnte nicht alle Themen verhandeln, aber das und auch die Frage von einer Ausgrenzung von Menschen, die neurodivers sind oder körperlich behindert, das würde ich auf jeden Fall versuchen stärker mitzudenken neben den anderen Themen.

Damit kommen wir leider zum Ende, ich sage ganz ganz herzlichen Dank für deine Zeit Julia, es war total cool, hat mich wirklich mega gefreut!

Ich sag danke, Sabrina, hat mich wirklich geehrt, vielen Dank. Ich hab mich damals schon über die Besprechung von „Tiefrot und radikal bunt“ bei euch so gefreut, die hat mir ein guter Freund geschickt und hat gesagt „Guck mal, hab‘ ich gefunden, die Antifa hat dein Buch besprochen“ – darf ich euch so nennen?

Ja, wir sind antifaschistisch, das steht auf jeden Fall im Vordergrund.

Das war für mich eine große Ehre.

ist Chefredakteurin bei Alerta und seit ihrer Jugend politisch aktiv. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte reichen von der deutschen Vergangenheit bis hin zu politisch progressiven Themen der Gegenwart – sowohl in der Literatur als auch in der Praxis. Die gebürtige Münchnerin liest, schreibt und lebt derzeit im Chiemgau.

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