„Politik und Sport lassen sich nicht voneinander trennen“

Mit Blick auf die Fußball-WM in Katar stellt sich die Frage, inwiefern Sport und Politik trennbar sind. Anhand des Beispiels Fußball erklärt der Historiker Julian Rieck, warum Sport immer auch politisch ist.
„In der Architektur des Olympiastadions in Berlin lassen sich viele Versatzstücke des faschistischen Gedankenguts finden“, sagt Julian Rieck
Foto: privat & Bundesarchiv, Bild 102-17818 / CC-BY-SA 3.0

„Expect Amazing“ lautet der Slogan der Fußballweltmeisterschaft in Katar. Unglaubliches, im negativsten Sinne des Wortes, hat das Turnier mit sich gebracht, bevor es überhaupt gestartet ist. FIFA-Präsident Gianni Infantino glaubt sogar, dass der Fußballweltverband die Welt verbessern könne, wie er kürzlich auf einer Pressekonferenz verlauten ließ. 

Es wird immer wieder betont, dass Sport und Politik voneinander getrennt bleiben sollen. Dies sei jedoch unmöglich, sagt der Historiker Julian Rieck. Anhand der Geschichte der Faschismen im 20. Jahrhunderr erklärt er im Alerta-Gespräch, wie sich der DFB während der NS-Diktatur selbstgleichgeschaltet hat, welches Schicksal jüdische Sportler•innen erlitten und geht der Frage nach, ob es für Vereine überhaupt möglich war, sich oppositionell zu verhalten.

Die Betrachtung des Fußballs als historisches Phänomen fällt in den Bereich der Sportgeschichte. Welche Rolle nimmt diese im weiten Feld der Geschichtswissenschaften ein?

Wenn wir vom akademischen Bereich reden, dann nimmt die Sportgeschichte eine relativ kleine Rolle ein – zumindest meiner Erfahrung nach. Sie ist immer noch mit ein bisschen Nase rümpfen verbunden. Ich habe das Gefühl, dass man sich rechtfertigen muss, warum man jetzt etwas zum Thema Sport macht und was das eigentlich mit einer ernsthaften Geschichtsschreibung zu tun hätte. Allerdings hat sich in den letzten 20 Jahren einiges getan und ich kann die Skepsis auch etwas verstehen, weil das häufig Fußballnerds sind, die dann irgendwelche Statistiken auspacken oder mit zu wenig Abstand die Dinge betrachten. Es gibt aber auch sehr ernsthafte und gewissenhafte Historiker•innen und gerade die Beschäftigung mit dem Sport zeigt dann auch, wie fruchtbar das Ganze ist. Daher ist diese

Wir werden im Laufe des Gesprächs über Fußball und Faschismus sprechen. Gibt es denn eine Eigenschaft des Sports Fußball, die der faschistischen Ideologie entgegenkommt?

Die Massentauglichkeit spielt eine große Rolle. Wenn wir jetzt etwa vom Nationalsozialismus ausgehen, dann wurde im Stadion die „Volksgemeinschaft“ fühlbar gemacht. Es findet eine Identifikation mit den elf verschiedenen Charakteren der Mannschaft statt. Eine Fußballmannschaft funktioniert eben nicht mit elf Messis oder elf Cristianos. Sie ist auf verschiedene Fähigkeiten der unterschiedlichen Charaktere angewiesen und die werden bei den elf Spielern wiedergefunden. Gleichzeitig lässt sich die Massentauglichkeit nicht kontrollieren. Ebenso wenig lassen sich Ergebnisse kontrollieren, wie die Olympischen Spiele 1936 in Berlin gezeigt haben. Die Niederlage Deutschlands gegen Norwegen war nicht einkalkuliert. Das lässt sich bei anderen Sportarten besser kontrollieren. 

Je nach Faschismus und Land, spielt auch eine große Rolle, dass der Fußball ein englischer Sport ist und damit aus einem Land der Hauptfeinde kommt. Das führte in Italien etwa dazu, dass der Versucht unternommen wird, den Fußball als calcio und somit als italienische Erfindung zu tradieren. Da lassen sich diese Anknüpfungspunkte sehen, die über den modernen Sport hinausgehen, auch wenn der calcio kein direkter Vorläufer des Fußballs war, sondern lediglich etwas Ähnliches. Diese Verbindungen im Deutschen herzustellen war kaum möglich. 

Müssen wir im Nationalsozialismus zwischen Fußball als Volkssport, und somit als gesellschaftliche Komponente, und einer institutionellen Komponente, wie etwa dem Vereinswesen, unterscheiden? Oder ist dies aufgrund des totalitären Charakters des NS-Regimes nicht möglich?

Es ist wichtig dabei zu betonen, dass der Fußball vor 1933 viel diverser organisiert war. Der DFB war nur ein Fußballverband, der aber nicht das gesamte Spektrum der Zeit widerspiegelte. Es gab Arbeitersport, konfessionellen Sport und den DFB, der sich relativ schnell selbst gleichgeschaltet hat. Es ist der einzige Fußballverband, der auch die Zeit des Nationalsozialismus überlebt hat. 

Man muss sich vorstellen, dass es sich beim Arbeitersport um kein Randphänomen handelte. In den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts kamen noch teilweise zehntausende Zuschauende. Erst durch die Selbstgleichschaltung des DFB und dem Verbot der anderen Sportföderationen wurde diese Diversität zerstört, die auch nach 1945 nicht mehr wiederkehrt. Organisiert Fußball spielen ging dann eben nur im Rahmen des DFB. 

Ein wichtiger Punkt ist auch der jüdische Sport. Schon ab April 1933 begannen Fußballvereine ihre jüdischen Mitglieder auszuschließen und diese gehen dann in jüdische Vereine, die dadurch in ihrer Mitgliederzahl schnell anstiegen. Dort konnten sie bis 1938 Fußball spielen, bis es generell verboten wurde. 

Was den nicht organisierten Fußball betrifft, ist es schwierig eine Antwort zu geben. Ich denke, dass es für die Regime weniger interessant war, weil es eben nicht in Stadien stattgefunden hat.

Was passierte mit den jüdischen Sportler•innen?

Schon im April 1933 unterzeichneten die bedeutendsten süddeutschen Fußballvereine die Stuttgarter Erklärung, in der sie die Absicht erklären, ihre jüdischen und marxistischen Mitglieder auszuschließen. Wie dann konkret mit den sogenannten „Arierparagraphen“ umgegangen wird, ist von Verein zu Verein unterschiedlich. Ich kann das mal an einem Beispiel festmachen: Julius Hirsch war einer von zwei jüdischen deutschen Nationalspielern, der in der Zeitung las, dass sein Verein alle jüdischen Mitglieder ausschließen wolle. Er verkündete dann seinen Austritt, wurde aber noch jahrelang als Mitglied geführt, weil er ein bekannter Spieler war. 

Es gibt auch beeindruckende Tagebuchaufzeichnung einer Sportlerin aus Breslau, die beschrieb, wie sie zu ihrem Sportverein ging und ihren Austritt selber erklären musste. Als sie dann zum Kassenwart ging, meinte dieser: „Ach, du auch! Da hat man jahrelang mit solchen Leuten zusammengearbeitet, aber es muss halt sein.“ Ich denke, das beschreibt ganz gut die Atmosphäre. Es gab auf der einen Seite persönliche Beziehungen: Man kannte und schätzte sich, aber auf der anderen Seite existierte in der Gesellschaft der Antisemitismus, der durch den Nationalsozialismus verstärkt wurde und die jüdischen Mitglieder aus den Vereinen drängte. 

Es wurde auch ein Unterschied gemacht: Ausgeschlossene marxistische Sportler•innen hatten die Möglichkeit wieder in dem Verein aufgenommen zu werden, wenn sie bescheinigt bekamen, dass sie ihrer alten Weltanschauung abgeschwört hatten. An dieser Stelle sieht man eben auch sehr gut den rassen-antisemitischen Hintergrund: Ein sogenannter „Arier“, der einer falschen Ideologie aus nationalsozialistischer Sicht anhängt, kann geläutert zum „guten Arier“ werden.

Das findet man auch bei Schriften von Reinhard Heydrich, dem späteren Chef des Reichsicherheitshauptamtes. Auf die Frage, was die politische Polizei eigentlich mache, schrieb er, dass die Marxist•innen zwar als weltanschauliche Gegner•innen bekämpft werden müssten, aber man müsse auch verstehen, dass dies nur die Hülle des Ganzen, und dass die Verantwortlichen für Kapitalismus und Kommunismus die Juden seien. Daher gibt es ideologisch gesehen für weltanschauliche Feinde die Möglichkeit, sich in die nationalsozialistische Gesellschaft zu integrieren, was für Jüdinnen und Juden aus rassistisch-antisemitischen Gründen nicht möglich war.

Den jüdischen Sportler•innen blieb nur noch die Möglichkeit in jüdischen Sportvereinen mit eigenen Ligen untereinander weiter Sport zu treiben. Es gibt ein Beispiel in Berlin, wo eine Frauenhandballmannschaft des Polizeisportvereins gegen eine jüdische Mannschaft angetreten ist. Dies war ein Skandal und die Abteilung wurde dann auch aufgelöst. 

Inwiefern ist in diese nationalsozialistische Vergangenheit des DFB und der Fußballvereine erforscht und aufgearbeitet in Deutschland?

Seit dem Jahr 2000 setzt man sich intensiver mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus im Fußball auseinander. Das hat mit zwei konkreten Ereignissen zu tun: Einmal wurde in dem Jahr die Fußballweltmeisterschaft 2006 an Deutschland vergeben und der DFB feierte sein 100-jähriges Jubiläum. In der dazu erschienenen Chronik wurde das Kapitel Nationalsozialismus fast verklärend behandelt. Daher kam es zu Aufforderungen, dass sich der DFB mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit ernsthaft auseinandersetzen müsse. Nils Havemann veröffentliche mit „Fußball unterm Hakenkreuz  das erste Buch zu dem Thema, das sich durch eine professionelle Herangehensweise auszeichnet, auch weil er Zugriff auf das DFB-Archiv hatte. 

Daraus hat sich eine interessante Debatte entwickelt, die dann auch dazu geführt hat, dass sich Fußballvereine mit ihrer Vergangenheit beschäftigen müssen. Die Fans fordern das nicht nur, sondern sind auch selber oft in Lokalprojekten aktiv, in denen sie zu verfolgten Fußballern recherchieren. Mittlerweile rücken aber auch mehr die Täter der Vereine in den Vordergrund. 

Der FC Bayern München ist ein spezieller Fall, der sich ja gerne das Image des Judenklubs überstülpt, um sich als Opfer zu stilisieren. Der jüdische Präsident Kurt Landauer wurde vom eigenen Verein abgesetzt und man versucht sich somit als Opfer darzustellen. Dies war auch das Narrativ in einer Ausstellung, die ich leider nie gesehen habe, aber das ist so eben nicht haltbar, dass ein Verein alleine nur Opfer sein kann.  Dazu wurde eine Studie beim Institut für Zeitgeschichte in Auftrag gegeben, die das Thema professionell und unabhängig aufarbeiten können. 

Ich will auch niemanden zu nahe treten, wenn ich sage, dass bei den Fan-Projekten häufig das Problem ist, dass die Unabhängigkeit fehlt. Man steckt da emotional zu tief drin und dann ist das nicht einfach, sich mit dem Thema objektiv auseinanderzusetzen. 

Gab es denn auch Vereine in Europa, die sich oppositionell verhalten haben?

Man hätte gerne diese Oppositionsvereine. In Spanien etwa gibt es diesen Dualismus zwischen dem FC Barcelona als angebliche Oppositionsgruppe und Real Madrid als angeblichen Regime Club. Dieses Thema wird dann beim „Clásico“ immer wieder aufgemacht. In Spanien muss man sich aber den historischen Kontext vor Augen führen: Der Faschismus kam dort nicht durch die Ausnutzung des Rechtsstaates wie in Deutschland an die Macht, sondern über einen Putsch, der dann den Bürgerkrieg auslöste. 

Das führte eben dazu, dass die Strukturen neu geschaffen wurden, was jedoch nicht heißt, dass es keine Kontinuitäten gab. Die Sportfunktionäre kamen alle unter das Dach der faschistischen Staatspartei Falange. Im Nationalsozialismus fand das nach und nach statt: Es gab zuerst zur Selbstgleichschaltung der Verbände, aber sie existierten unter dem Dach des DFB weiter, der dann schließlich zum Fachamt Fußball wurde. Die NSDAP war auch auf die Funktionäre wegen der Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin angewiesen – auch um keinen Boykott zu riskieren, da ja Sport und Politik offiziell voneinander getrennt sein sollten. Die internationalen Sportverbände haben jedoch ihre eigenen Satzungen kaum beherzigt, wenn es um dieses Thema ging. 

Schließlich ordnete sich der Sport aber der Partei unter. Man muss sich das wie eine Pyramide vorstellen: Ganz oben steht der Reichssportführer, der entscheidet die Besetzung der einzelnen Regionalverbände, die wiederum entscheiden über die Besetzung der Vorstände und Präsidenten. Dies passierte in Deutschland etappenweise und Spanien auf einen Schlag. Das führte dazu, in Spanien ab Ende des Bürgerkrieges mindestens zwei Falange-Mitglieder in den Vorständen der Sportvereine sitzen mussten. Das bedeutet, dass es institutionell gar keine Oppositionsclubs geben konnte. 

Was die Zuschauer•innen betrifft, ist es nochmal eine andere Sache. Ich habe einmal auf einer Konferenz mit eher Barça-nahen Journalisten gefragt, was denn der FC Barcelona für antifranquistische Akte vollzogen hätte. Darauf konnten sie mir keine konkreten Beispiele nennen. Häufig findet eine Rückprojektion statt, dass der FC Barcelona etwa während der Transición für das Autonomiestatut einstand. Da wird dann das Zeigen der katalanischen Regionalfahne auf die 50er Jahre rückprojeziert, als sei diese Haltung schon immer präsent gewesen. Auch gibt es diese Geschichten, dass man nur in der geschützten Atmosphäre des Stadions Camp Nou katalanisch reden hätte können. Dazu muss man sagen, dass selbst franquistische Politiker Reden auf katalanisch hielten. Katalanisch reden alleine war noch kein Akt des Widerstands. Das ist einfach eine völlig undifferenzierte Sichtweise, so zu tun, als sei Katalonien immer antifaschistisch gewesen und die Madrilenen seit jeher faschistisch. Das lässt sich außerdem leicht widerlegen. 

Wenn man sich den Bürgerkrieg anschaut, dann war gerade Madrid die Frontstadt, wo die Bevölkerung sich organisiert und den franquistischen Truppen entgegentrat und kurz vor der Stadt auch stoppte. Drei Jahre lang musste die franquistische Propaganda Erklärungen finden, warum der Putsch in der Hauptstadt Spaniens nicht erfolgreich war. Die Antwort war dann, dass es sich um ein „rotes Madrid“ handle, wo die Russen ihren Einfluss geltend machen konnten. 

Real Madrid war während der Republik ein republikanischer Club, der bei Pokalsiegen mit der republikanischen Hymne empfangen wurde. Der Vorsitzende hatte etwa auch ein höheres Staatsamt in der Republik inne. Durch den Bürgerkrieg und dem Sieg der Franquisten kam es zum Bruch, wodurch die Vorstände neu besetzt wurden. Im Laufe der Franco-Diktatur kam es zu ein paar Ereignissen, wie etwa der Wechsel von di Stefano im Jahr 1953 oder das berühmte 11:1 von Real Madrid gegen den FC Barcelona im Pokal. Dieses Narrativ der Weltanschauung findet man dann im Fußball wieder, dass Madrid Barcelona unterdrückt habe.

Allerdings muss man auch sagen, dass es gegenüber den FC Barcelona eine gewisse Skepsis gab. In den 20er Jahren hatte der Verein ein halbes Jahr Betätigungsverbot, weil sie die königliche Hymne niedergepfiffen hatten. Der Gründer Joan Gamper musste ins Exil und aus der Perspektive von spanischen Nationalist•innen, stellt natürlich der Katalanismus des FC Barcelona eine Gefahr für das Vaterland dar. In der Zeit des Franquismus waren die Präsidenten des Vereins selbst Franquisten und es gibt Beispiele, dass sie den katalanischen Regionalismus als Teil des spanischen Nationalismus verstanden, dass Katalonien die Region Spaniens sein müsse, die die Nation vorwärts bringe. Das stellt also keinen Widerspruch zum Regionalismus dar, der sich dann später etwa über die Fahne ausdrückt.

Du hast dich mit dem Thema Sport als alternative Form der Diplomatie beschäftigt. Wie sah das im Spanischen Bürgerkrieg aus?

Zuerst sollte man vielleicht klären, was verstehen wir unter „Sport“. Ich vermeide möglichst von Instrumentalisierung zu sprechen. Wir können sagen: Sport ist nur Selbstzweck, wenn man es nur für sich macht. Aber sobald Leute zuschauen, ist es eben kein Selbstzweck mehr. In der Bezirksliga oder Kreisliga A werden ja schon Gelder von den Zuschauenden genommen.

Sport als alternative Form der Außenpolitik können wir sehr gut am Beispiel der Olympischen Spiele 1936 in Berlin sehen. In Spanien gab es, wie bereits erwähnt, einen Putsch gegen die demokratisch legitimierte Regierung. Die Fußballspiele wurden auch schnell wieder aufgenommen und der spanische Fußballverband zog von Madrid nach Barcelona um. Bei der FIFA ging ein Schreiben aus dem franquistischen Teil Spaniens ein, um sich nun als legitimer Fußballverbands Spaniens zu melden. Ihre Begründung lag darin, dass sie über die Mehrheit der Regionalverbände und Clubs verfügen würden. Das Problem der FIFA lag darin, dass für jedes Land nur ein Fußballverband akzeptiert wird. Durch den Bürgerkrieg gab es quasi zwei Spanien und jedes hatte einen eigenen Verband. Die FIFA entschied sich, beide Verbände anzuerkennen.

Man könnte nun sagen, dass es in Großbritannien ja ähnlich ist. Dort gibt es vier nationale Verbände für die Länder England, Wales, Schottland und Nordirland, aber da ist der historische Hintergrund ein anderer. Durch die Anerkennung im November 1937 hatte die FIFA den franquistischen Teil Spaniens international enorm aufgewertet. Meines Wissens handelt es sich damit um die erste internationale Organisation, die das franquistische Spanien anerkennt.

Es ist unglaublich wichtig über den Sport präsent zu sein. Ich denke, dass wir viele Länder und Städte, sowie ihre nationalen Symbole über den Sport kennenlernen. Das aktuellste Beispiel ist die WM in Katar. Wer wüsste wo genau Katar liegen würde, wenn nicht die WM dort stattfinden würde? Das wurde auch damals schon erkannt. Es gab während des Bürgerkrieges einen Kampf um die Hoheit darüber, was Spanien eigentlich genau ist. Als der franquistische Fußballverband bei der FIFA anklopft, fand gerade die Qualifikation zur WM 1938 statt. Man kann also davon ausgehen, dass dies auch ein bewusster Versuch war, die Teilnahme des republikanischen Verbandes an der WM zu verhindern, damit eben diese Normalität nicht gewahrt bleiben konnte. Das ist aber nur ein Teil der Sportdiplomatie.

Es gibt noch konkretere Beispiele: Die Basketballabteilung von Real Madrid konnte 1963 als erste offiziell die Sowjetunion bereisen. Dies hatte der Vizepräsident des Vereins genutzt, um dort einen Bericht im Außenministerium über die wirtschaftliche und militärische Situation der Sowjetunion abzugeben. Dies ist natürlich nicht seine Aufgabe und es findet auch keine Instrumentalisierung statt, weil diese Funktionäre überzeugte Franquisten sind, die alles in ihrer Macht Stehende nutzten, um dem Regime entgegen zu arbeiten.

Das heißt also, dass durch die Aufnahme des nationalistischen Spaniens indirekt eine Anerkennung des Regimes stattfand?

Es geht um die Legitimierung. Das ist natürlich nicht der Völkerbund, den es damals noch gab, aber die FIFA schreibt sich ja etwa auf die Fahne, dass sie mehr Mitglieder hat als die Vereinten Nationen. Natürlich muss man sich auch die Frage stellen, ob vielleicht die Rolle des Sports nicht überschätzt wird. Ich kann nur von mir aus gehen und ich glaube schon, dass es schon eine wichtige Rolle spielt, weil man einfach ein großes Publikum erreicht. Wir wissen nicht genau, wie das zwischen den Sportfunktionären und den putschenden Generälen kommuniziert wurde, aber es gibt eben diesen Versuch der Anerkennung während des Bürgerkrieges. Ich glaube kaum, dass sich aus der Legitimierung kein anderer Grund finden lassen würde.

Die Olympiade in Berlin 1936 wurde im Laufe des Gesprächs bereits öfters erwähnt. Das bekannteste Überbleibsel ist das Berliner Olympiastadion. Daher meine Frage, welche Bedeutung Sportstätten in den faschistischen Regimen hatten?

Es ist natürlich die Möglichkeit große Massen anzusprechen. Man denke dabei nur an das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Hierfür lohnt auch eher ein Blick nach Deutschland, da die nationalsozialistische Bewegung länger existiert und eine andere Relevanz hatte, als etwa die Falange in Spanien, die bei den Wahlen im Februar 1936 nur 0,7 Prozent erhielt. Es gab natürlich andere rechtsgerichtete Parteien wie die CEDA, die oft als proto-faschistisch dargestellt wird, aber erst durch den Putsch und den Bürgerkrieg stieg die Bedeutung der Falange.

In Madrid gibt es anliegend an den Königspalast ein Gelände, wo ursprünglich ein Parteitagsgelände der Falange entstehen sollte, jedoch aus verschiedenen Gründen nie umgesetzt wurde. Der einzige Kongress der Falange, der je stattgefunden hat, fand im Oktober 1953 im heutigen Estadio Bernabéu in Madrid statt, weil dort hunderttausend Menschen Platz finden. Es gab sonst keinen Ort, wo ein solcher Massenaufmarsch möglich gewesen wäre.

Beim Olympiastadion in Berlin ist der Hintergrund vorrangig die Olympischen Spiele. In der Architektur lassen sich aber viele Versatzstücke des faschistischen Gedankenguts finden. Es ist ein Erdstadion, was die architektonische Umsetzung des Blut-und-Boden-Prinzips darstellt. Das Stadion selbst ist aus Stahlbeton, wird jedoch von Natursteinplatten umkleidet, sodass verschleiert wird, das mit modernen Methoden gearbeitet wurde. Dies soll einen Bezug zum vorindustriellen Zeitalter darstellen. Die verschiedenen Türme des Stadions stehen für die angeblichen deutschen Stämme. Natürlich wird mit solchen Bauten auch gezeigt, was eine Nation imstande ist, zu bauen.

Das Stadion in Florenz ist in einem D gestaltet, was für den „Duce“ steht. Länderübergreifend gibt es Rückbezüge auf die Antike. Statuen von betont männlichen Diskuswerfern und so weiter. Dies ist auch ein wichtiger Punkt im faschistischen Sport: Die Vorstellung von Männlichkeit und die Gesundung des Volkskörpers. Es handelt sich also um eine biologistische Vorstellung, wie Gesellschaft sein soll und dass der gesunde Kern durch körperliche Erziehung erreicht wird.

Ist also eine Trennung von Sport und Politik überhaupt möglich?

Nein, sie ist nicht möglich. Eigentlich müsse man die Frage umdrehen und fragen, wo denn Sport und Politik nicht getrennt sind. Diese Beziehung gab es schon in der Antike. Sportstätten müssen finanziert werden und sind einfach nur durch kommunale Gelder zu bauen. Wenn wir in der Geschichte zurückgehen, finden wir immer wieder diese Anknüpfungspunkte. Da müsste man dann aber auch genauer definieren, was Politik eigentlich ist.

Ich war einmal im Stadion und da wurde ein Banner mit „Kein Mensch ist illegal“ gezeigt. Da rief jemand von der Tribüne, dass Politik nichts im Stadion zu suchen habe. Das hat dann viel mit der Vorstellung zu tun, dass Politik nur in der Wahlkabine stattfindet. Es ist einfach ein völlig falsches Verständnis und man könnte sehr viele Beispiele nennen. Politik und Sport lassen sich schlichtweg nicht voneinander trennen.

Julian Rieck ist Historiker mit den Schwerpunkten Diktaturforschung und Erinnerungskultur, sowie der Geschichte Spaniens, Lateinamerikas und des Fußballs.

ist Chefredakteur und Gründer von Alerta. Sein Interesse gilt insbesondere der linken und antifaschistischen Geschichte und Kultur. Er lebt und schreibt in Saragossa/Spanien.

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