Unmenschlichkeit – nicht nur ein Phänomen rechter Wahlprogramme

Auch in der Linken haben Antisemitismus, Antihumanismus und Euthanasie Tradition. Der freie Journalist Peter Bierl legt mit „Unmenschlichkeit als Programm“ eine erschreckende Analyse der darwinistischen Linken vor.

Sozialdarwinismus, Rassenhygiene und Euthanasie – all das klingt nach extrem rechten Begriffen und Praktiken. Oder etwa doch nicht?

Tatsächlich haben diese Thesen und Theorien auch im linken Lager schon von Beginn an durchaus Anhänger•innen und Verfechter•innen – und zwar international.

„Die relativierende bis positive Einschätzung der nationalsozialistischen Rassenpolitik resultierten daraus, dass eugenische und rassistische Lehren in der Linken seit Ende des 19. Jahrhunderts verwurzelt waren, insbesondere in der Sozialdemokratie.“

Peter Bierl

Doch wie passt das zusammen?

Ein unverklärter Blick auf die Fakten

Schon im ersten Kapitel des Buches „Unmenschlichkeit als Programm“ zeigt der Autor Peter Bierl die Widersprüche in den Theorien und Argumentationen von Eugeniker•innen und Rassentheoretiker•innen auf, die sich durchziehen werden wie ein roter Faden. Einerseits ist die Rede von Spezieismus, der besagt, dass Menschen sich selbst über alle anderen Lebewesen stellen, was größtenteils als falsch angesehen wird.

Andererseits wird von „guter“ Euthanasie gesprochen, eine Euthanasie, die nichts mit der rassistischen, nationalsozialistischen Euthanasie zu tun haben will. In Wahrheit geht es lediglich um eine Kosten-Nutzen Rechnung. Es geht nicht um die Erlösung von Leid, es geht um Wirtschaftlichkeit. Wie der Autor im nächsten Kapitel schildert, unterstützt auch die darwinistische Linke diese Auffassungen.

Ebenso wird dort davon ausgegangen, dass das Verhalten und damit auch Dinge wie Erfolg, Arbeitseifer und Intellekt rein genetisch bestimmt werden. Dass dies inzwischen umfassend wissenschaftlich widerlegt ist, wird hierbei gerne ignoriert.

Auch ist Eugenik bei den Linken nicht grundsätzlich verpönt, so befürworten beispielsweise viele die Zwangssterilisation oder halten an einem Ranking für Rassen fest. Als „erbbiologisch wertvollste Klasse“ gilt bei den Linken (im Gegensatz zu den Rechten) das Proletariat, weil hier die „natürliche“ Auslese durch Armut, schwere körperliche Arbeit und schlechtere Gesundheitsversorgung im Gegensatz zur Oberschicht noch immer funktioniere.

Wie und weshalb nicht nur Sozialist•innen, sondern selbst Feministinnen Eugenik keineswegs immer strikt ablehnten, sogar befürworteten (und dies zum Teil auch heute noch tun) erläutert Peter Bierl anhand zahlreicher Beispiele.

Selbst einige bekannte Rassentheoretiker wanderten im Laufe ihrer Karriere politisch von links nach rechts. Diese bereits erwähnten Widersprüchlichkeiten finden sich schon bei Darwin, wie Bierl ausführt. Dabei lässt der Autor auch nicht zu kurz kommen, dass Karl Marx nicht dieser Meinung war, denn er stand gegen den Sozialdarwinismus und lehnte Eugenik strikt ab.

Im dritten Kapitel nähert der Autor sich der heutigen Zeit, es geht um Eugenik während des Kalten Krieges, Neofaschismus und Neomalthusianismus. Letzteren durfte ich erst gestern selbst wieder im Radio hören, als ein Klimaexperte davon sprach, dass wir eventuell auch darüber nachdenken sollten, ob wir vielleicht nicht immer mehr, sondern eher weniger Menschen werden sollten.

In den folgenden Abschnitten beschreibt der Autor die Rolle von Spiritualität und Religion in all diesen Theorien und Denkweisen und hier kann man zusammenfassend feststellen, dass man einfach alles so auslegen und interpretieren kann, wie es dem eigenen Zweck am dienlichsten ist. Spielraum hierfür ist außerhalb jeglicher wissenschaftlicher Expertise reichlich gegeben.

Zu guter Letzt richtet Peter Bierl die Aufmerksamkeit auf die heutigen (spirituellen) Ökobewegungen, in denen sich noch heute die Theorien aus Rudolf Steiners antroposophischer Weltanschauung halten und etablieren, welche am Ende zwangsläufig wieder zu Eugenik, Rassentheorien und Antisemitismus führen.

Auch vor der eigenen Haustür muss gekehrt werden!

Gleich zu Beginn ist anzumerken, dass Peter Bierls Einleitung, wie auch Nikolas Lelles in „Arbeit, Dienst und Führung“, unter anderem auch eine Erklärung zum Sprachgebrauch, Gendern und so weiter enthält, was ich wirklich sehr gut und wichtig finde. 

Der Autor bedient sich in seinem gesamten Werk einer zum Teil recht scharfen Sprache, was mir persönlich natürlich sehr gut gefällt. So gibt es beispielsweise im Kapitel „Angriff der Spermienkrieger“ einen Abschnitt mit dem Untertitel „Schwanzlängen und Haremsphantasien“ – diese Formulierungen sind ebenso provokant wie treffend.

Inhaltlich schockiert das Buch von Anfang an, wenn man sich noch nie tiefer mit der Thematik befasst hat. Der Autor geht in seinem ausführlichen Werk auf enorm wichtige Bereiche ein und zeigt auf, wieso auch nach dem 2. Weltkrieg Eugenik und Rassentheorien nicht in der Versenkung verschwunden sind. So war beispielsweise der überzeugte Eugeniker Julian Huxley von 1946 – 1948 der erste Direktor der UNESCO, also unmittelbar nachdem die Deutschen mit ihrer Auslegung von Eugenik und Euthanasie mehrere hunderttausend Menschen ermordet hatten.

Oft mögen auf den ersten Blick manche Ansichten wissenschaftlich fundiert wirken, bei genauerem Hinsehen lässt sich jedoch jegliches Argument durch neue Erkenntnisse zerpflücken und widerlegen. Schockierend ist dieses Buch auch deshalb, weil all diese Dinge, insbesondere auch die Eugenik, sich nicht etwa nur im extremen linken Spektrum, sondern vor allem auch in der SPD hielten – Thilo Sarrazin ist da nur die Spitze des Eisberges.

Alles in allem erklärt das Buch sehr genau, woher es kommt, dass diese Dinge, die man im ersten Moment intuitiv als rechts einstufen würde, auch im linken Lager in ihrer ganzen Bandbreite zu finden sind und warum das unbedingt offener angesprochen werden sollte. Wie so oft ist wohl Selbstreflexion auch hier der Schlüssel und dazu lädt das Werk von Peter Bierl nicht nur ein, sondern es verlangt unausweichlich danach.

Wer nun jedoch gleich drauflos schlussfolgern möchte „Aha, links und rechts sind also doch der gleiche Mist!“, liegt dennoch völlig daneben – in einem emanzipierten und progressiven linken Programm wird man diese Unmenschlichkeiten längst nicht mehr finden!

Der Verbrecher Verlag stellte freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung.

Cover "Unmenschlichkeit als Programm" von Peter Bierl

Unmenschlichkeit als Programm

Peter Bierl

Verbrecher Verlag, 364 Seiten

24,00 Euro

ist Chefredakteurin bei Alerta und seit ihrer Jugend politisch aktiv. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte reichen von der deutschen Vergangenheit bis hin zu politisch progressiven Themen der Gegenwart - sowohl in der Literatur als auch in der Praxis. Die gebürtige Münchnerin liest, schreibt und lebt derzeit im Chiemgau.

Podcast

Aktuelles