Krieg und Konsum als Entertainment

Wie keine andere Band beschrieben Gang of Four das düstere und kalte Leben in der industrialisierten Konsumgesellschaft. Auf ihrem Album „Entertainment!“ (1979) klingt die Kapitalismuskritik überraschend aktuell.
Nicht nur der Hintergrund ist rot: „Entertainment!“ ist durch und durch kapitalismuskritisch.

Aus dem Fenster betrachtet, offenbart die Welt ihren bizarren Charakter. Frauen tragen etwa ein Kleidungsstück, das nach einem Atoll benannt ist, auf dem die ersten Wasserstoffbomben getestet wurden. Die Medien diktieren uns Liebe und Sexualität und im Konsumrausch kaufen wir unsere Individualität.

Gang of Four werfen auf ihrem 1979 erschienen Album “Entertainment!” einen dystopischen Blick auf die industrialisierte Konsumgesellschaft. Das Individuum tanzt den Takt des Konsums und des Kapitals. Der Rhythmus ist auch das zentrale Element der Musik: Bass und Schlagzeug mischen Funk, Disco mit Punk, die Gitarren fallen mit messerscharfen Staccatos ein, und selbst der Gesang unterwirft sich dem Diktum des Takts.

Der Sound ist trocken und rau, Gang of Four beschönigen nichts. Weder ihre eigene Musik noch die Welt, in der sie leben. Zwar erscheint der moderne Kapitalismus als “himmlischer Lebensstil” (“Ether”), doch die Krux findet sich im Kleingedruckten. Die kapitalistische Welt sät ihren Samen in alle Aspekte des Lebens aus. Was daraus gedeiht, entfremdet den Menschen von der Welt und am Ende von sich selbst. An dieser Stelle wird der Einfluss von Marx auf die vier Kunststudenten besonders deutlich.

Marxismus goes Funk

Das Verhältnis zwischen den Kapitalisten und den Arbeitern ist einseitig und unehrlich. Über “all das Gerede von der Freude an der Arbeit” beschwert sich Sänger Jon King in “Guns Before Butter”. Er kommt zu der ernüchternden Einsicht, dass der Mann nur Arbeitskraft oder Kanonenfutter ist. Bei genauerer Betrachtungsweise ist die kapitalistische Rhetorik, ebenso wie die nationalistische, ein gefährliches Täuschungsmanöver, das auch auf dem Cover des Albums prominent zu sehen ist.

Die Ironie der Geschichte ist, dass es eben jene Ausgebeuteten sind, die Geschichte machen. In “Not Great Men” verarbeitet Gang of Four die sozialgeschichtliche Historiographie und lehnt die sogenannte “Great Man Theory” ab – Geschichte wird nicht von großen historischen Persönlichkeiten gemacht, sondern von den Menschen, über die sie herrschen.

Dem jedoch setzt die Band entfremdete Individuen vor, die in der konsumorientierten kapitalistischen Gesellschaft von aktiven Subjekten zu passiven Objekten werden. “Das Problem der Freizeit/Was tun für’s Vergnügen”? Werbung und Medien gaukeln einem das “perfekte Leben” (“Natural’s Not In It”) vor. Hier was kaufen, dort etwas erleben. Eine gigantische Reizüberflutung steuert das orientierungslose Individuum durch die Wirren des Angebots. “Dieser Himmel gibt mir Migräne” ächzt King und im Song “Glass” verschreibt er sich selbst Schmerzmittel gegen das eindimensionale Leben.

Wie soll der Mensch Geschichte machen, wenn der ökonomische Charakter auch vor der Zweisamkeit nicht Halt macht? Auf der ersten Single “Damaged Goods” besingt King das Ende einer Beziehung als eine emotionale Transaktion, in der die “beschädigten Waren” rückerstattet werden. Romantische und intime Beziehungen verkommen zu einem “Vertrag im gemeinsamen Interesse” (“Contract”).

Unterhaltung schafft Ablenkung von privaten Problemen und Profit für das System: Menschliche Triebe garantieren Umsatz (“At Home He’s A Tourist”) und die Nachrichten im Fernsehen lassen Krieg und Terror wie einen Spielfilm aussehen (“5.45”).

Kalte Welt, kalter Sound

Die mit Gesellschaftskritik durchtränkten Songs sind rein deskriptiv. Anstatt sich stumper antikapitalistischer Parolen zu bedienen, beschreibt Gang of Four den Ist-Zustand einer kalten, ungemütlichen Welt, in der die besungen Protagonisten zunehmend verzweifeln. Die soziale Kälte findet auch Ausdruck im Sound der Band. Gitarrist Andy Gill verwendete bei der Aufnahme des Albums bewusst keinen Röhrenverstärker, der von Rockgitarrist•innen aufgrund des warmen Sounds bevorzugt verwendet wird, sondern einen Transistorverstärker. “Gang of Four ist gegen Wärme”, sagte Gill kategorisch.

Auch wenn es wie ein pathetisches Klischee klingt: “Entertainment!” ist ein zeitloses Album, sowohl musikalisch als auch textlich. Ersteres liegt daran, dass es seiner Zeit voraus war und zukünftige Generationen von Musiker•innen prägte. Letzteres lässt sich mit dem Zeitpunkt des Erscheinens erklären. Sowohl technologisch als auch politisch stand die westliche Welt vor einem gigantischen Umbruch.

“Entertainment!” erschien wenige Monate nach der Wahl Margaret Thatchers zur britischen Premierministerin, die wie keine andere Person für das neoliberale Modell stand. Zeitgleich zog eine Technologisierung in Form von Computern und Teletext in die Haushalte ein.

Aus dem 18-Zoll-Fernseher (“5.45”) sind schließlich größere und funktionsfähigere geworden und mit den Smartphones können heutzutage Krieg und Terror live im Internet verfolgt werden. Die konsuminduzierte Reizüberflutung hat in den letzten 40 Jahren dank Social Media und Online-Shopping deutlich zugenommen und die Unterhaltungsindustrie nutzt sie noch schamloser aus als vorher. Man denke dabei nur an das Geschäftsmodell von Influencer•innen.

Der eingangs angesprochene Takt hat also merklich an Tempo zugenommen, die Individuen tanzen so schnell wie noch nie. Trotz der schnelleren Bewegungen will jedoch keine wirkliche Wärme aufkommen. Jede•r tanzt zum selben Takt, aber für sich allein.



Cover des Albumes "Entertainment!" der Band Gang of Four

Entertainment! (1979)

Gang of Four

EMI Records, 12 Songs

ist Chefredakteur und Gründer von Alerta. Sein Interesse gilt insbesondere der linken und antifaschistischen Geschichte und Kultur. Er lebt und schreibt in Saragossa/Spanien.

Podcast

Aktuelles

Die Klimakatastrophe erfordert sofortiges politisches Handeln. Die deutsche Ampel-Regierung hinkt den notwendigen Maßnahmen hinterher, obwohl bekannt ist, was zu tun ist. Deshalb ist es die Aufgabe jedes Einzelnen den Druck auf die Politik zu erhöhen, damit ein Umdenken stattfindet.