“Für mich persönlich war der geistige Mangel größer als der materielle”

Ralf Hron erlebte als junger Gewerkschafter und Volontär wie die DDR zerfiel und die Bevölkerung sich immer mehr von der eigenen Heimat distanzierte. Ein Gespräch über die Wirren der Wendezeit.
“Von der Wiedervereinigung war anfänglich keine Rede, weil es schlichtweg nicht vorstellbar war”, erinnert sich Ralf Hron an das Jahr 1989
Foto: DGB

Herr Hron, beginnen wir das Gespräch mit einer klischeehaften Frage: Wo waren Sie, als am 09. November 1989 die Mauer fiel? 

Ich war damals ein junger Volontär der Gewerkschaftszeitung Die Tribüne und einer von drei Volontären in der ganzen DDR, die nicht in der SED waren. Ich musste mein Abitur auf einer Abendschule machen. Aus dieser Zeit kannte ich eine Frau, deren Mann nach West-Berlin abgehauen war. Als ich dann am 09. November die Pressekonferenz hörte, konnte ich mir nicht ganz erklären, was der Schabowski da erzählte.

Also bin ich zu der Frau gefahren und wir haben versucht nach West-Berlin zu telefonieren. Das dauerte normalerweise, man musste mehrmals wählen. Es kam ein Typ vorbei und rief: “Hey, die machen die Bornholmer auf!”.

Wir sind in ein Taxi gestiegen, um zur Bornholmer Brücke zu gelangen. Der Fahrer meinte noch: “Ihr kommt da nicht durch.” Zwanzig Minuten später standen wir in West-Berlin. Natürlich war man am Anfang etwas besorgt, ob die einen wieder zurücklassen. Es war aber alles sehr aufregend, weil wir ja noch nie in West-Berlin waren.

Wir haben uns dann in der Bismarckstraße getroffen und es fand die verrückteste Feier meines Lebens statt, zusammen mit ein paar ehemaligen DDR-Bürgern, die abgehauen waren. 

Der 09. November 1989 war die Klimax der Entwicklung der DDR. Wirtschaftlich sah es nicht gut aus und immer mehr Menschen flüchteten im Herbst über Drittländer. Die DDR blutete förmlich aus. Haben die Bürger:innen mitbekommen, wie schlecht es um den Staat wirklich stand?

Man hat davon sehr viel mitbekommen. Ich war mit 14 Jahren das erste Mal in Rumänien und später auch in Moskau. Dort habe ich die großen Widersprüche kennengelernt. Daraus entwickelte sich bei mir eine Anti-Haltung zur DDR.

In Rumänien habe ich das erste Mal Hunger richtig erlebt. In Moskau traf ich auf eine verknöcherte Gesellschaft. Meine Gastgeberin war Jüdin und dort hörte ich zum ersten Mal, dass unter Stalin Millionen Menschen verfolgt und umgebracht wurden. Das war für mich vorher nur unter dem Faschismus vorstellbar.

Die letzten zehn Jahre der DDR würde ich als totale Agonie beschreiben. In den entsprechenden Kreisen, darunter auch die spätere Bürgerbewegung, wurde bis zum Schluss hoch und runter diskutiert. Das ging von der OSZE Schlussakte in Helsinki bis zu einer menschlicheren DDR.

Ich war in Russland, als 1985/86 der Aufbruch in der Sowjetunion mit Glasnost und Perestroika begann. Das war eine Offenbarung. Es wurden Privatbetriebe zugelassen und Kooperativen gemacht, es gab kreative Ausstellungen, man beschäftigte sich intensiv mit Stalin und seinen Verbrechen. Es war ein ideeller Aufbruch, aber in der DDR bewegte sich nichts.

Wie war die Situation in der DDR zu diesem Zeitpunkt?

Die Führung betonte stets, dass eine Öffnung nicht notwendig sei. In den Jahren 1985 und 1989 wurden die Widersprüche immer drastischer. Die Versorgungslage war für mich persönlich nicht so entscheidend, aber es war an dieser Stelle zu spüren, dass etwas nicht funktionierte.

Mich störte die Unfreiheit deutlich mehr. Glasnost und Perestroika bedeuteten ja Offenheit, so dass man auch über die Dinge offen sprechen konnte, was in der DDR nur in privaten Räumen möglich war. Ich sprach auch mit meinen Eltern viel darüber und es waren oftmals anstrengende und verletzende Gespräche, weil man darauf hingewiesen hatte, was alles für ein Mist passiert.

1987/88 wurde der Sputnik verboten und dann war der Ofen total aus.

Der Sputnik war eine sowjetische Zeitschrift im DIN-A5 Format, in der man Nachrichten über Russland lesen konnte.

Wie viele andere auch, habe ich die Behörden angeschrieben, um mich zu beschweren. Ich wurde dann zu einem Gespräch in die SED-Kreisleitung eingeladen. Wie ich später erfuhr, waren die Personen dort von der Stasi. Die Diskussion war total schräg. Ich hatte mir ja Kopien vom Sputnik besorgt und nahm die Stasi-Männer rhetorisch auseinander, weil die einfach totale Scheiße erzählt hatten.

Es brodelte also in der DDR. Was brachte das Fass im Jahr 1989 zum Überlaufen?

Bei den jährlichen Liebknecht und Luxemburg Demonstrationen im Januar haben einige Schüler ihr eigenes Transparent hochgehalten. Die wurden dann brutal verhaftet. Als dann später Jugendliche in die Botschaft abgehauen sind und Honecker sagte, dass er ihnen keine Träne nachweine, sorgte das für Unmut in der DDR.

Auch werde ich mich mein ganzes Leben an die Demonstration auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking erinnern, wo Demonstranten mit dem Panzer niedergefahren wurden. Hans-Dieter Schütt, ein ganz übler Zeitgenosse, hat in der Jungen Welt einen doppelseitigen Artikel geschrieben und ein komplett verdrehtes Bild gemalt, in dem die Demonstranten alle Konterrevolutionäre gewesen wären, die Kommunisten umbringen wollten. Das sind nur ein paar Beispiele aus dieser Zeit.

Sie haben deutlich gemacht, dass Sie sich in der DDR unwohl gefühlt haben. Haben Sie selbst mit dem Gedanken gespielt, in den Westen zu flüchten?

Den Gedanken hatte ich sehr oft. Ich habe sogar mit Freunden Fluchtpläne entworfen, wie wir am besten über die bulgarisch-griechische Grenze abhauen könnten oder über den Flughafen Moskau-Scheremetjewo. Dort konnte man von Ost-Berlin einfliegen und anschließend nach West-Berlin ausfliegen. Das wäre der Plan gewesen. Schlussendlich habe ich es aber nicht gemacht, weil ich Angst um meine Familie hatte und davor, im Knast zu landen.

Sie sind also in der DDR geblieben und haben sich im Herbst ’89 dem frisch gegründeten „Neuem Forum“ angeschlossen.

Ich habe über eine Freundin Bärbel Bohley im August ‘89 kennengelernt und am selben Tag habe ich mich ins Neue Forum eingeschrieben.

Im September begann mein Volontariat und der Chef hetzte über die Jugendlichen, die aus der DDR abhauen. Da war er bei mir schon unten durch. Zur Eröffnung des Volontariats gab es eine Einladung des Journalistenverbands und da sagte ein Redakteur zu mir: “Tu mir einen Gefallen und halt deine Schnauze. Halt unbedingt den Mund, sonst müssen wir dich feuern”.

In diesen Tagen habe ich mit Bärbel Bohley ein Interview gemacht. Die hat mich ausgelacht und gesagt, dass das sowieso nie gedruckt werden würde. Ich meinte, dass wir das abwarten sollten und sie es mich einfach probieren lassen soll. Über einen Freund habe ich das Interview der Zeitung angeboten, aber sie haben es abgelehnt. Das war ziemlich dämlich, weil sie hätten als eine der ersten ostdeutschen Zeitungen ein Interview mit Bärbel Bohley gehabt! Das wäre später für sie relativ gut gewesen. Zwei Monate später waren die Chefredakteure alle weg.

Am 04. November 1989 gab es eine große Kundgebung auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin. Wie signifikant war für Sie dieses Ereignis?

Es war eine sehr widersprüchliche Demonstration. Einerseits war sie geprägt von den Reden sehr kluger Leute, wie etwa der Schauspielerin Steffi Spira oder auch Ulrich Mühe. Vor Ort waren auch alle gewendeten SEDler und diejenigen, die gemerkt hatten, dass ihnen die Felle davonschwimmen. Andererseits waren auch normale DDR-Bürger dabei, die mit der Bürgerbewegung wenig zu tun hatten. Es war aber nicht die entscheidende Demonstration.

Diese war gut einen Monat vorher, am 07. Oktober 1989. Es wurde der 40. Geburtstag der DDR gefeiert und zum letzten Mal haben sich im Palast der Republik alle Führer der kommunistischen Länder verabredet. Mehrere von denen waren wenige Wochen später gar nicht mehr am Leben, wie der rumänische Staatspräsident Nicolae Ceausescu.

Im Palast feierten sie also eine Riesenparty, während sich um 16 Uhr an der Weltzeituhr am Alexanderplatz ein paar Hundert Demonstranten trafen. Im Laufe der Zeit wurden das aber bis zu dreitausend jungen Leuten. Es wurde später als “Zusammenrottung” bezeichnet, weil natürlich nichts angemeldet war. Der erste Ruf war “Freiheit, Freiheit, Freiheit” und später auch noch andere Dinge.

Wie ging die Demonstration weiter?

Wir hatten natürlich Riesenangst, denn es wurde alles von den umliegenden Häusern des Alexanderplatzes abgefilmt. Nach circa einer Stunde bewegte sich der Pulk in Richtung Palast der Republik. Es war bereits dunkel, als wir dann am Roten Rathaus vorbei zur Brücke am Palast der Republik gingen. Die Brücke war jedoch mit Fahrzeugen gesperrt.

Es kamen immer mehr Polizisten und später auch Kampfgruppen. Wir bewegten uns alle nach vorne und riefen: „Freiheit, Freiheit, Freiheit!“, „Gorbatschow, Gorbatschow, Gorbatschow!“ und „Die Mauer muss weg!“.

Wir waren sehr unruhig, weil wir nicht wussten, wie die Polizei reagieren würde. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Zivilisten mit Maschinenpistolen gesehen. Der Demonstrationszug ging vom Palast der Republik zur Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg. Man war permanent von der Polizei eingekesselt, welche dann kurz nach Mitternacht mit aller Härte und Brutalität die Demonstration auflöste.

Anfangs griffen sie mit Stoßtruppen einzelne Leute auf. Ich flüchtete mit Freunden über den Friedhof, weil die Polizei später nur noch geprügelt hatte. Weniger Beachtung fand am selben Tag eine Demonstration in Plauen. Dort hatten sich 5 000 Menschen verabredet und demonstriert. Diese beiden Demonstrationen – in Ost-Berlin und Plauen – sind meinem Empfinden nach die wichtigeren gewesen.

Wie würden Sie dann die Aktionen in Leipzig einordnen?

Zu diesem Zeitpunkt war das Friedensgebet sehr klein. Das entwickelte sich von rund zwanzig Leuten zu 500 im Oktober. Die richtigen Massendemonstrationen kamen genau nach der erwähnten Schlacht in Ost-Berlin und Plauen. Es entstand ein Sog und so gingen am 13. Oktober 1989 erstmals mehrere Zehntausende auf die Straßen in Leipzig. Aus sächsischer Sicht wird gerne behauptet, dass das Zentrum der Revolution in Leipzig war. Das allein ist aber mitnichten so.

Spielt der Slogan „Keine Gewalt!“, der bei den Demonstrationen im Oktober/November verwendet wurde, auf die Ereignisse in Ost-Berlin und Plauen an?

Ja. Bei der Demonstration in Ost-Berlin haben wir permanent „Keine Gewalt! Keine Gewalt!“ gerufen. Uns standen, und ich sage das auch ganz pathetisch, Kampfgruppen und Bereitschaftspolizei gegenüber. Aus diesen Situationen stammt der Spruch „Keine Gewalt!“. Bei der ersten Massendemonstration in Leipzig war auch Militär und ein Großaufgebot der Bereitschaftspolizei im Einsatz.

Die Bürgerbewegungen in der DDR waren sehr heterogen. Gab es überhaupt konkrete gemeinsame Ziele?

In den letzten zehn Jahren der DDR, konnte man in den Diskussionskreisen von einer totalen Ablehnung der DDR bis hin zur Reform des Sozialismus alles finden. Ich habe beispielsweise die Musikerin Bettina Wegner kennengelernt, die partout nicht in den Westen wollte. Die haben sie quasi mit Gewalt abgeschoben. Ich war in einem Gesprächskreis mit dabei, in dem Prof. Rosemarie Will und andere an alternativen Sozialismuskonzeptionen gearbeitet haben.

Das Neue Forum war in seiner Ausrichtung ganz deutlich: Wir wollen die DDR nicht so, wie sie war. Wir wollten Offenheit und frei reden können. So stand es auch in der ersten Erklärung vom August. Es handelte sich absichtlich um eine intellektuelle Bewegung, die nicht etwa die Versorgungslage in der DDR behandelte. Wir wollten nicht, dass von einer SED-Mitgliedschaft abhängig ist, welchen Beruf man ausüben konnte. Freiheit stand an erster Stelle. 

Inwiefern war die Wiedervereinigung zu diesem Zeitpunkt ein Thema?

Davon war überhaupt nicht die Rede. Im Sommer 1989 gab es in der DDR keine zwei Dutzend Menschen, die die Wiedervereinigung wollten. Es war schlichtweg nicht im Bereich des Denkbaren. Wir wollten Freiheit.

Ich bin an der Berliner Mauer groß geworden. Wir haben unser gesamtes Leben mit Mauer und Scharfschützen verbracht. Dass man das einfach wegräumen kann, war nie Teil unserer Lebensperspektive. Darum ging es um Veränderungen, aber man stand einer zunehmend greiser werdenden SED-Führung gegenüber.

Das ging so weit, dass sogar innerhalb der Partei die Unzufriedenheit wuchs. Meine Eltern gehörten dazu. Sie wussten, dass es so nicht weitergehen kann. Die Genossen sind wirklich verzweifelt an der eigenen Führung und deren Ignoranz.

Man kann aus heutiger Sicht zusammenfassen: Dieses Land ist implodiert. Die ökonomischen Widersprüche waren drastisch. Gleich nach der Demonstration am 13. Oktober 1989 wurde Honecker abgesetzt, nach bekanntem Schema, wie es bereits Ulbricht 1971 widerfahren war.

Das Zentralkomitee hat Egon Krenz zum Nachfolger ernannt, der den ostdeutschen Gorbatschow machen sollte. In der Jugendsendung elf99 wurden plötzlich ganz andere Töne gespielt. Es wurden später sogar Leute nach Wandlitz eingeladen, wo die DDR-Bonzen gelebt haben. Natürlich war das alles viel zu spät.

Die DDR hing wirtschaftlich am Beatmungsgerät.

Das war mir damals nur ansatzweise bewusst. Das war Thema in den Gesprächskreisen über alternative Sozialismusmodelle, in denen es auch ziemlich kritische Stimmen gab, die sagten: “Wir sind ökonomisch am Arsch. Wir sind total abhängig.”

Die West-Kredite, die von Franz Josef Strauß vermittelt wurden, waren der Todesstoß für die DDR. Man brauchte permanent Geld und Devisen aus dem Westen, um bestimmte Dinge einzukaufen. Waren aus dem Osten, an denen es uns mangelte, wurden in den Westen billig für D-Mark verscherbelt.

Es gab natürlich noch mehr ökonomischen Wahnsinn, weswegen das Land im Oktober/November 1989 wirklich implodiert ist. Das ging so rasend schnell, dass sich die Führung nicht mehr anders zu helfen wusste, als die Grenzen zu öffnen. Der 09. November 1989 war kein Zufall. Sie wussten, dass sonst zehntausende von jungen Menschen über Ungarn oder Tschechien in den Westen abhauen würden. 

Vor dem Mauerfall hieß der Slogan „Wir sind das Volk“, der sich jedoch nach dem 09. November zu „Wir sind ein Volk“ änderte. Wie erlebten Sie den plötzlichen Gesinnungswandel der Demonstrierenden?

Das waren sehr zwiespältige Gefühle und so ging es sehr vielen. Der 09. November hatte eine Ausnahmesituation geschaffen, die ungefähr vier Wochen angedauert hatte. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Ich habe als junger Mann wirklich geträumt, dass ich in West-Berlin war und bin dann schweißgebadet aufgewacht, weil ich mir dachte: “Was ist denn jetzt los? Kann ich wieder zu meiner Familie zurück?”

In Ost-Berlin haben wir den Westen permanent sehen können. Plötzlich war das aber Wirklichkeit, von jetzt auf sofort. Somit war nach dem Fall der Mauer klar, dass das jetzt ein anderes Land wird. Ich vermute, dass es in der Nacht schon klar war, dass das auf eine Wiedervereinigung hinausläuft, weil die Freiheit, die wir am 09. November gewonnen hatten, man uns nicht mehr nehmen hätte können.

Dazu mach ich jetzt einen Gedankensprung. Ich saß später am zentralen runden Tisch der Jugend für eine neu gegründete innere Oppositionsbewegung in den Gewerkschaften. Es kämpften junge Neukader mit den Altkadern über Monate hinweg. Es war die Zeit der runden Tische, und die politische Situation hat sich tagtäglich geändert. Man kann sagen, da ist in zwei Jahren so viel passiert, wie normalerweise in zwanzig, dreißig Jahren.

Es wurde über die Offenlegung der DDR-Vermögen gestritten. Ich habe mich beispielsweise bei der Untersuchung und Offenlegung des FDJ-Vermögens beteiligt. Wir haben uns auch mit den Ungeheuerlichkeiten hinter der Fassade der DDR beschäftigt. Die Stasi war ein großes Thema.

Viele Leute haben erst ab diesem Zeitpunkt begriffen, dass es ein flächendeckendes System der Überwachung gab. Das alles war Teil einer Wahnsinnsdynamik, die mit Sicherheit auch geschürt war. Langsam merkte man, wie das in Richtung “Wir sind ein Volk” umschlug. Es tauchten bei den Demonstrationen die Deutschlandfahnen auf, die vorher nicht zu sehen waren. 

Ab wann hatten Sie das Gefühl, dass die DDR nicht mehr zu retten war?

Das kann ich klar benennen: Krenz’ Nachfolger Hans Modrow, der in der SED als Oppositioneller galt, hatte eine Konföderation der beiden deutschen Staaten vorgeschlagen. Als dann Kohl im Dezember 1989 nach Dresden kam, war es mit der DDR vorbei. Das war alles inszeniert, wie er sich mit Modrow im Hotel Bellevue getroffen hatte. Kohl hat später seine eigene Kundgebung in Dresden abgehalten, die politisch gesteuert war.

Es waren nur Deutschland Fahnen zu sehen und Kohl ging auf Modrows Plan zur Konföderation gar nicht mehr ein. Ich bin mir sicher, dass die schon an den Plänen zur Währungsunion gearbeitet hatten. Im Frühjahr tobte dann die Schlacht zu den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990. Diese Wahlen waren dann der letzte Stein des Anstoßes. Nach der Wahl war klar, dass alles vorbei war.

Bei den Wahlen holte das CDU-nahe Bündnis Allianz für Deutschland über 48 Prozent der Stimmen. Können Sie versuchen diesen Stimmungswandel zu erklären?

Ich denke, dass wir uns fast alle vom Westen etwas blenden lassen haben. Wir haben noch gar nicht über das ganze Mangelsystem gesprochen, aber für mich persönlich war der geistige Mangel größer als der materielle. Mit den Wahlen war klar, dass jeder Versuch, das System zu restaurieren, erledigt war.

Die Währungsunion im Sommer 1990 war dann der erste Schritt in Richtung Wiedervereinigung und die Leute wollten das Geld auch. Ich halte mich für einen Linken, aber wir dürfen einer Lebenslüge nicht aufsitzen. Die absolute Mehrheit der DDR-Bevölkerung wollte einfach den Beitritt.

Was das Thema Wiedervereinigung betrifft, haben Sie selbst ihre Erfahrungen in den Gewerkschaften gemacht.

Ab März 1990 bis zur Wiedervereinigung war ich permanent mit der Frage beschäftigt, wie juristisch bestimmte Fragen zu klären sind. Wie wird der FDGB aufgelöst? Wie organisiert man die neuen Mitgliedschaften in den westdeutschen Gewerkschaften? Macht man überhaupt eine Vereinigung?

Das ist alles andere als profan, weil daran riesige ökonomische Prozesse hängen. Allein an der Frage, ob jedes einzelne Gewerkschaftsmitglied in seine zukünftige Gewerkschaft eintritt, oder ob es eine Vereinigung gibt, ist juristisch und moralisch ganz schwer zu beantworten. Die Frage war am Ende, was die Masse der Leute wollte.

Mit welchen Problemen waren die Gewerkschaften in der Wendezeit konfrontiert?

In der Wendezeit spielte die Mangelwirtschaft im Betrieb und die Diskrepanz zwischen dem, was die Führung erzählte und wie es in Wirklichkeit aussah, die größte Rolle. Es gipfelte in diesem Witz: 108 % Kartoffeln in diesem Jahr geerntet. Im Neuen Deutschland sind nur ökonomische Erfolge verkündet worden, aber in der Realität sahen die Arbeitnehmer, dass es eigentlich an allem fehlte.

Die S-Bahn fuhr kaum noch, weil keine Teile mehr da waren. Es gab keine Autoteile und so weiter. Wir hatten das tolle System der Tauschwirtschaft, weil es einfach nichts gab. Das war das größte Problem zu Beginn, mit dem die engagierten Gewerkschafter konfrontiert waren. Da ging es noch nicht einmal um die Frage des Arbeitsplatzes und des Marktverlustes. 

Was noch entscheidend war für den gesamten Prozess: Die konservativen Kreise um die CDU haben generalstabsmäßig, wie im Krieg, die Übernahme der Ost-CDU und der Blockparteien organisiert. Darum waren sie bei den Volkskammerwahlen den anderen Parteien so überlegen. Sie waren einfach besser ausgerüstet und haben erkannt, dass sie im Osten ihre Macht ausbauen müssen.

In den linkeren Kreisen gab es Personen, die empathischer waren, die uns “Ossis” nicht vorschreiben wollten, wie wir was zu machen hatten. Die haben uns machen lassen und uns auf unserem Weg in Alternativen zu denken unterstützt. Man kann sagen, dass die Linken an dieser Stelle einfach vorsichtiger waren.

Als klar wurde, dass die Wiedervereinigung im Oktober kommen wird, war für uns auch klar, dass wir eine gemeinsame Gewerkschaftsführung im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) brauchen.

Ralf Hron ist DGB-Regionsgeschäftsführer in Südwestsachsen. Ab1983 war er Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in der DDR, nach der Wiedervereinigung im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

ist Chefredakteur und Gründer von Alerta. Sein Interesse gilt insbesondere der linken und antifaschistischen Geschichte und Kultur. Er lebt und schreibt in Saragossa/Spanien.

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Gespräch mit dem Autor Max Brym

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